Was ist der Unterschied zwischen marginaler Konsumneigung (MPC) und durchschnittlicher Konsumneigung (APC)?
Die marginale Konsumneigung (MPC) misst die Konsumveränderung bei einer Einkommensveränderung: ΔC/ΔY. Die durchschnittliche Konsumneigung (APC) ist der Gesamtkonsum geteilt durch das Gesamteinkommen: C/Y. Der MPC beschreibt, wie Haushalte am Rand auf einen zusätzlichen Euro reagieren, während der APC die gesamte Konsumquote beschreibt. In keynesianischen Modellen sinkt der APC typischerweise mit steigendem Einkommen, und der MPC liegt bei einkommensstarken Haushalten meist unter dem APC.
Wie hoch ist die Sparquote in Deutschland und wie hängt sie mit dem MPC zusammen?
Laut Destatis und Deutscher Bundesbank liegt die Sparquote der privaten Haushalte in Deutschland langjährig bei etwa 10 % des verfügbaren Einkommens – während der Corona-Pandemie 2020 stieg sie kurzzeitig auf über 16 %. Da MPC + MPS = 1 gilt, entspricht eine durchschnittliche Sparquote (MPS) von 0,10 einem gesamtwirtschaftlichen MPC von rund 0,90 für den durchschnittlichen Konsumeuro. Der marginale MPC aus zusätzlichem Einkommen ist allerdings niedriger als die gesamtwirtschaftliche Konsumquote nahelegt – ifo-Schätzungen für transitorische Einkommensschocks bewegen sich eher im Bereich 0,4–0,7.
Wie bestimmt der MPC die keynesianische Multiplikatorwirkung?
Der einfache keynesianische Ausgabenmultiplikator entspricht 1 / (1 − MPC). Bei einem MPC von 0,75 beträgt der Multiplikator 4,0; bei MPC = 0,5 sinkt er auf 2,0. Reale Multiplikatoren sind aufgrund von Sickerverlusten (Steuern, Importe, Ersparnis) kleiner. Studien des ifo Instituts und der Bundesbank schätzen den Fiskalmultiplikator in Deutschland kurzfristig auf 0,5–1,5 für staatliche Investitionen und Transferleistungen an einkommensschwache Haushalte – Steuersenkungen für Besserverdiener wirken dagegen schwächer.
Warum haben einkommensschwache Haushalte einen höheren MPC?
Einkommensschwache Haushalte sind häufiger liquiditätsbeschränkt: Sie verfügen über geringere Ersparnisse und schlechteren Kreditzugang, sodass jeder zusätzliche Euro für unmittelbare Bedürfnisse (Lebensmittel, Miete, Energie) ausgegeben werden muss. Forschungsarbeiten der EZB (Carroll, Slacalek u. a.) dokumentieren für das untere Einkommensquintil im Euroraum MPC-Werte von 0,7–0,9, verglichen mit 0,2–0,4 für das obere Quintil. Diese Heterogenität ist zentral für moderne HANK-Modelle (Heterogeneous Agent New Keynesian).
Kann der MPC größer als 1 sein?
Ein dauerhafter MPC über 1 ist nicht möglich, da ein Haushalt nicht langfristig mehr als 100 % seines zusätzlichen Einkommens konsumieren kann. Kurzfristig können Haushalte jedoch mehr ausgeben als ein einmaliger Einkommensschock einbringt, indem sie auf Ersparnisse oder Kredite zurückgreifen – in engen Zeitfenstern werden gelegentlich MPC-Werte ≥ 1 gemessen, vor allem bei großen Einmalzahlungen an stark kreditbeschränkte Haushalte.
Wie verändert sich der MPC in Rezessionen?
Zwei gegenläufige Kräfte wirken: Liquiditätsbeschränkungen verschärfen sich und die Arbeitslosigkeit steigt – das erhöht den MPC der Betroffenen. Gleichzeitig führt aggregierte Unsicherheit zu Vorsichtsersparnissen, die den MPC der Nicht-Betroffenen senken. Empirisch überwiegt der erste Effekt: Der gesamtwirtschaftliche MPC steigt tendenziell in Rezessionen, weshalb Konjunkturmaßnahmen in Abschwüngen historisch wirksamer waren als in Boomphasen.
Warum ist der MPC für die deutsche Wirtschaftspolitik wichtig?
Konjunkturmaßnahmen mit Fokus auf Gruppen mit hohem MPC (einkommensschwache Haushalte, Familien mit Kindern, Arbeitslose) erzeugen pro investiertem Euro größere Konsum- und BIP-Effekte als breit gestreute Steuersenkungen, die überwiegend Besserverdiener begünstigen. Die Energiepreisbremse 2022/2023 und das Kindergeld zählten laut ifo-Analysen zu den wirksameren Instrumenten; pauschale Mehrwertsteuersenkungen wirkten dagegen schwächer. Die MPC-Heterogenität ist der ökonomische Grund dafür.